„Wir haben doch die Hygieneschulung — reicht das nicht?“ Diese Frage kommt in Pflegediensten häufig. Die Antwort ist nein, und der Grund ist bemerkenswert unspektakulär: Die Hygieneschulung nach Infektionsschutzgesetz und die Unterweisung nach Arbeitsschutzgesetz verfolgen unterschiedliche Zwecke. Die eine schützt Patienten, die andere die Beschäftigten. Beide sind Pflicht, und keine ersetzt die andere.
Dieser Artikel zeigt, welche Unterweisungsthemen in einem Pflegedienst typischerweise zusammenkommen — und woraus sie sich jeweils ableiten.
Inhalt in Kürze
- Die Pflege hat die dichteste Unterweisungslage aller Branchen. Neben den allgemeinen Themen jedes Betriebs kommen rund zwei Dutzend pflegespezifische hinzu.
- Vier Rechtskreise greifen ineinander: ArbSchG und DGUV Vorschrift 1 für die Grundpflicht, BioStoffV für biologische Arbeitsstoffe, GefStoffV für Desinfektions- und Reinigungsmittel, MPBetreibV für Medizinprodukte.
- Zwei Themen werden regelmäßig übersehen: Gewalt und Aggression durch Patienten oder Angehörige — und Alleinarbeit im ambulanten Dienst.
- Online geht der theoretische Teil. Die mündliche, arbeitsplatzbezogene Unterweisung nach § 14 BioStoffV bleibt vor Ort.
Warum die Pflege ein Sonderfall ist
In einem Büro ergibt die Gefährdungsbeurteilung ein überschaubares Bild: Bildschirmarbeit, Brandschutz, Erste Hilfe, Wegeunfälle. In einem Pflegedienst kommen Gefährdungen zusammen, die sonst auf mehrere Branchen verteilt sind — biologische Arbeitsstoffe wie im Labor, Gefahrstoffe wie in der Chemie, Lastenhandhabung wie in der Logistik, Publikumsverkehr mit Konfliktpotenzial wie im Einzelhandel, und im ambulanten Dienst zusätzlich Alleinarbeit an wechselnden Orten.
Entsprechend lang ist die Themenliste. In unserem Katalog umfasst der Bereich Gesundheit, Pflege und Pharma 26 Unterweisungen — die größte Gruppe von dreizehn.
Wichtig vorab
Welche Themen für Ihren Dienst gelten, entscheidet nicht diese Liste, sondern Ihre Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG. Ein reiner Betreuungsdienst ohne Behandlungspflege braucht andere Themen als eine Intensivpflege-WG. Die Liste unten ist ein Raster zum Abgleichen, keine Vorgabe.
Die pflegespezifischen Themen
Biologische Arbeitsstoffe und Hygiene
| Thema | Rechtsgrundlage |
|---|
| Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen | BioStoffV, ArbMedVV, IfSG |
| Hygiene und Infektionsschutz im Gesundheitswesen | BioStoffV, IfSG, MPBetreibV |
| Händehygiene und Hautschutz | BioStoffV, ArbMedVV, TRBA 250 |
| Kontaminierte Wäsche, Ausscheidungen, Körperflüssigkeiten | BioStoffV, IfSG, TRBA 250 |
| Medizinische Abfälle und Abwurfbehälter | BioStoffV, KrWG, TRBA 250 |
Die TRBA 250 ist hier die zentrale technische Regel. Wichtig zu wissen: Sie wurde im November 2025 vollständig neu gefasst — neuer Titel („Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitsdienst“), Schutzstufe 4 ausgelagert in die TRBA 252, statt acht nur noch sechs Anhänge. Wer noch mit einer Fassung von 2014 oder 2018 arbeitet, zitiert Abschnittsnummern, die es nicht mehr gibt.
Scharfe und spitze Instrumente
| Thema | Rechtsgrundlage |
|---|
| Nadelstich- und Schnittverletzungen vermeiden | BioStoffV, ArbMedVV, TRBA 250 |
| Verhalten nach Nadelstich oder Fremdblutkontakt | BioStoffV, TRBA 250, DGUV Information 207-024 |
| Kanülen, Skalpelle und Sicherheitsinstrumente | BioStoffV, MPBetreibV, TRBA 250 |
Beim Verhalten nach einer Nadelstichverletzung kursieren zwei scheinbar widersprüchliche Anweisungen: „Blutfluss fördern“ und „nicht auspressen“. Beide meinen dasselbe — verboten ist die Manipulation an der Einstichstelle. Richtig ist: bluten lassen, etwa eine Minute, nicht abdrücken, nicht quetschen, dann spülen und Antiseptikum. Danach zum Durchgangsarzt oder Betriebsarzt.
Gefahrstoffe und Medizinprodukte
| Thema | Rechtsgrundlage |
|---|
| Reinigungs- und Desinfektionsmittel im Gesundheitswesen | GefStoffV, ArbMedVV, TRGS 525 |
| Medizinprodukte sicher verwenden | MPBetreibV, MPAMIV, BetrSichV |
| Medizinische Gase und Sauerstoff | GefStoffV, BetrSichV, TRBS/TRGS |
| Impfungen und Injektionen — Beschäftigtenschutz | BioStoffV, ArbMedVV, MPBetreibV |
Desinfektionsmittel sind Gefahrstoffe. Damit gilt § 14 GefStoffV — und der verlangt eine mündliche, arbeitsplatzbezogene Unterweisung, vor Aufnahme der Tätigkeit und danach mindestens jährlich, dokumentiert und von den Unterwiesenen bestätigt. Diesen Teil kann keine Software übernehmen.
Belastung, Transfer und Konflikt
| Thema | Rechtsgrundlage |
|---|
| Patienten und Bewohner bewegen | LasthandhabV, MuSchG, DGUV Information 207-022 |
| Transferhilfen, Pflegebetten und Patientenlifter | MPBetreibV, BetrSichV, LasthandhabV |
| Gewalt und Aggression durch Patienten oder Angehörige | DGUV Information 207-025, DGUV Information 206-017 |
| Alleinarbeit im ambulanten Pflegedienst | LasthandhabV, DGUV Regel 112-139 |
| Hausbesuche — sicher beim Patienten | BioStoffV, LasthandhabV, TRBA 250 |
26
Unterweisungen im Bereich Pflege & Gesundheit
4
Rechtskreise, die parallel greifen
jährlich
Mindest-Turnus nach § 4 DGUV Vorschrift 1
Die zwei Themen, die am häufigsten fehlen
Gewalt und Aggression. Übergriffe durch Patienten oder Angehörige sind in der Pflege Alltag, tauchen aber in vielen Unterweisungsplänen nicht auf. Ein verbreiteter Irrtum dabei: Die Meldepflicht nach einem Übergriff ohne Verletzung folge aus § 24 Abs. 6 DGUV Vorschrift 1. Das stimmt nicht — dieser Absatz regelt die Dokumentation geleisteter Erster Hilfe im Verbandbuch. Für Vorfälle ohne Verletzung greift die Falldokumentation nach dem BGW-Nachsorgekonzept in Verbindung mit § 5 ArbSchG.
Alleinarbeit im ambulanten Dienst. Alleinarbeit ist nicht verboten, aber sie gehört in die Gefährdungsbeurteilung. Bei gefährlichen Arbeiten muss eine Überwachung sichergestellt sein — die DGUV Regel 112-139 beschreibt Personen-Notsignal-Anlagen als eine mögliche Maßnahme. In der Praxis geht es meist um Einfacheres: Wer weiß, wo die Kollegin gerade ist? Was passiert, wenn sie sich nach dem letzten Hausbesuch nicht meldet?
Unsere interessanteste Datenpanne war ein Dienstleister mit nur 15 Mitarbeitern — die Größe sagt nichts darüber aus, wie viel Verantwortung im Alltag steckt.
Nils OehmichenDatenschutzberater bei frag.hugo
Was online geht — und was nicht
Der theoretische Teil aller genannten Themen lässt sich online abbilden, als Blended Learning nach der DGUV Regel 100-001: arbeitsplatzbezogener Inhalt, Verständnisprüfung, jederzeitige Rückfragemöglichkeit bei einer benannten Person, revisionssichere Dokumentation.
Nicht online abbildbar sind:
- die mündliche, arbeitsplatzbezogene Unterweisung nach § 14 BioStoffV und § 14 GefStoffV
- praktische Einweisungen an Transferhilfen, Patientenliftern und Pflegebetten
- die Feuerlöscher-Übung und Räumungsübungen
Wer das trennt, bekommt beides sauber dokumentiert: den Wissensteil digital mit Nachweis, den praktischen Teil vor Ort mit Unterschrift.
So gehen Sie vor
- Gefährdungsbeurteilung durchgehen: Welche Tätigkeiten gibt es tatsächlich? Behandlungspflege, Grundpflege, Hauswirtschaft und Fahrdienst haben unterschiedliche Profile.
- Themen zuordnen statt pauschal schulen: Eine Hauswirtschaftskraft braucht keine Unterweisung zu Kanülen, aber sehr wohl zu Reinigungsmitteln und Hautschutz.
- Mündliche Pflichtteile einplanen: BioStoffV und GefStoffV verlangen sie. Termin und Inhalt festhalten, von den Unterwiesenen bestätigen lassen.
- Nachweis pro Person führen: Wer wurde wann womit unterwiesen — inklusive Verständnisprüfung. Praxisüblich sind mindestens zwei Jahre Aufbewahrung.
- Jahresturnus setzen: Einmal jährlich ist Mindestpflicht. Ein fester Monat ist leichter zu halten als 40 individuelle Fristen.
Das Wichtigste: In der Pflege greifen vier Rechtskreise ineinander — die Unterweisungsliste wird dadurch lang, aber sie ist ableitbar. Aus der Gefährdungsbeurteilung, nicht aus dem Bauchgefühl.
Ihr nächster Schritt
26 Unterweisungen für Gesundheit, Pflege und Pharma
Hugo Safe enthält alle oben genannten Themen als Online-Unterweisung mit Abschlusstest, Zertifikat und revisionssicherem Nachweis-Dossier — jede mit ihrer Rechtsgrundlage.
Pflege-Unterweisungen ansehen →
Ob eine Online-Unterweisung überhaupt rechtssicher ist, klärt Online-Unterweisung: Ist das rechtssicher?. Wie oft unterwiesen werden muss, steht in Jährliche Unterweisung: Pflicht, Fristen, Nachweis. Und welche Irrtümer sich in Unterweisungsunterlagen halten, zeigt 13 Irrtümer in Arbeitsschutz-Unterweisungen.
Häufige Fragen (FAQ)
Welche Unterweisungen sind in einem Pflegedienst jährlich Pflicht?
Neben den allgemeinen Themen jedes Betriebs (Brandschutz, Flucht- und Rettungswege, Erste Hilfe, Heben und Tragen) kommen in der Pflege pflegespezifische Themen hinzu: biologische Arbeitsstoffe, Hygiene und Infektionsschutz, Händehygiene und Hautschutz, Nadelstichverletzungen und das Verhalten danach, Umgang mit Kanülen und Sicherheitsinstrumenten, medizinische Abfälle, Desinfektionsmittel, Medizinprodukte, Patiententransfer, Gewalt und Aggression sowie Alleinarbeit im ambulanten Dienst. Welche davon konkret gelten, ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG.
Wie oft muss ein Pflegedienst unterweisen?
Mindestens einmal jährlich (§ 4 DGUV Vorschrift 1), zusätzlich bei Einstellung, bei Versetzung und bei wesentlichen Änderungen. Für Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen verlangt § 14 BioStoffV die Unterweisung vor Aufnahme der Tätigkeit und danach mindestens jährlich — arbeitsplatzbezogen und mündlich.
Reicht eine Online-Unterweisung in der Pflege aus?
Für den theoretischen Teil ja, als Blended Learning nach DGUV Regel 100-001 — arbeitsplatzbezogen, mit Verständnisprüfung, benannter Ansprechperson und revisionssicherer Dokumentation. Nicht ersetzt werden die mündliche, arbeitsplatzbezogene Unterweisung nach § 14 BioStoffV und § 14 GefStoffV sowie praktische Einweisungen, etwa an Transferhilfen und Patientenliftern.
Was gilt bei Alleinarbeit im ambulanten Pflegedienst?
Alleinarbeit ist nicht verboten, aber gefährdungsbeurteilungspflichtig. Bei gefährlichen Arbeiten muss eine Überwachung sichergestellt sein; die DGUV Regel 112-139 beschreibt Personen-Notsignal-Anlagen als eine mögliche Maßnahme. Für Hausbesuche gehören Wegeplanung, Erreichbarkeit und ein Verfahren für den Fall ausbleibender Rückmeldung dazu.
Muss nach einer Nadelstichverletzung etwas Bestimmtes passieren?
Ja, und die Reihenfolge zählt: Blutung etwa eine Minute laufen lassen, ohne die Einstichstelle zu quetschen oder auszupressen, dann spülen und ein Antiseptikum aufbringen. Anschließend Durchgangsarzt oder Betriebsarzt aufsuchen und den Vorfall dokumentieren. Ohne vorher eingeübten Ablauf verstreicht im Ernstfall Zeit, die für eine Postexpositionsprophylaxe zählt.